Die Panne
Der Mietwagen rollte aus. Ein letztes Husten. Dann Stille.
„Scheiße", sagte Daniel.
Jana saß auf dem Beifahrersitz und starrte auf das Tankanzeige-Display. Voll. Aber irgendwas anderes hatte den Geist aufgegeben. Der Motor. Die Elektronik. Irgendwas Teures.
„Wir hatten doch noch Empfang. Ruf den Pannendienst."
Daniel zog sein Handy raus. Hielt es hoch. Drehte es. „Kein Empfang."
„Dann probier es nochmal."
„Es gibt keinen Empfang, Jana. Schau selber."
Sie schaute. Ihr Handy auch. Eine Reise durch die Schweizer Voralpen, sechs Tage Wellness in Adelboden, am ersten Abend nach der Autobahn auf einem Nebensträßchen liegen geblieben, weil Daniel die Abkürzung über den Brünig probieren wollte. Statt einer Stunde dauerte es jetzt zwei. Oder zehn. Oder bis morgen.
Es dämmerte schon. Tannen rechts und links. Die Straße wand sich einen Hügel hinauf, dann wieder runter. Kein Auto seit zwanzig Minuten. Vielleicht dreißig.
„Da vorne brennt Licht", sagte Daniel.
Etwa zweihundert Meter weiter, etwas abseits der Straße, stand ein Hof. Holzfassade, Schindeldach, der typische Schweizer Kasten, der wahrscheinlich vier Jahrhunderte alt war und genauso aussah wie auf den Postkarten. Aus einem Fenster im Erdgeschoss leuchtete es gelb.
„Komm", sagte Daniel. „Wir fragen nach einem Telefon."
Jana stieg aus. Die Luft roch nach Tannen und Kuhmist. Und nach etwas anderem. Etwas Süßlichem, das sie nicht zuordnen konnte.
„Riechst du das?"
„Was?"
„Egal."
Sie gingen.
Der Hof
Der Kies knirschte unter ihren Schuhen. Irgendwo im Stall hinter dem Haus quiekte etwas, kurz und gepresst. Dann Stille.
Daniel klopfte.
Schritte. Schwer. Langsam. Dann öffnete sich die Tür einen Spalt.
Ein Mann. Vielleicht sechzig. Vielleicht achtzig. Bei Bauern in den Bergen war das schwer zu sagen. Lederne Haut. Bart wie nasse Stahlwolle. Edelweißhemd, das längst nicht mehr nach Edelweiß aussah.
„Grüezi", sagte Daniel mit dem Akzent eines Hamburgers, der grüezi sagen will. „Wir sind mit dem Auto liegen geblieben. Hätten Sie ein Telefon?"
Der Mann musterte sie. Erst Daniel. Dann Jana. Lange. Dann den Weg hinter ihnen.
„Sind Sie alleine?"
„Ja."
„Auto da vorne?"
„Beim Tannenwald, ja."
Der Mann schaute nochmal hinter sie. Etwas in seinem Gesicht arbeitete. Er trat zur Seite. „Reinkommen. Schnell."
Jana zögerte. Daniel nicht. Er ging rein. Sie folgte.
Die Stube war warm. Holz, viel Holz. Ein Ofen knisterte. Es roch nach Suppe und nach altem Mann und nach etwas, das Jana nicht zuordnen konnte. Wieder dieser süßliche Geruch.
„Hansueli Brunner", sagte der Mann und schloss die Tür. Zog den Riegel vor. Erst den oberen, dann den unteren. Das dauerte. Seine Hände zitterten leicht.
„Daniel. Das ist meine Frau Jana."
„Sitzen."
Sie setzten sich. Eine alte Wanduhr tickte. Aus der Küche kam Dampf. Suppe stand auf dem Herd, blubberte leise.
„Telefon ist hinten", sagte Hansueli. „Aber jetzt nicht."
„Wieso nicht?"
Hansueli antwortete nicht. Er ging zum Fenster, schob den Vorhang zur Seite und schaute raus. Eine Sekunde. Zwei. Dann ließ er den Vorhang wieder fallen.
„Bald dunkel."
„Eben drum, wir müssen ..."
„Bald dunkel, hab ich gesagt."
Daniel verstummte. Jana spürte, wie sich etwas in ihrem Magen zusammenzog. Nicht nur der Hunger. Etwas anderes.
Draußen, weit weg, klang es. Wie ein Stöhnen. Lang. Tief. Dann verstummt.
„Was war das?", fragte Jana.
Hansueli schaute sie nicht an. „Hund."
„Klang nicht wie ein Hund."
„Es war ein Hund."
Die Suppe
Hansueli stellte ihnen Teller hin. Suppe. Bohnen, Speck, irgendwas Dunkles. Sie schmeckte gut. Jana hatte die ganze Fahrt nichts gegessen.
„Wir haben Sie sicher gestört", sagte sie und löffelte. „Tut uns leid."
„Mhm."
„Wohnen Sie alleine hier?"
„Mhm."
„Schon lange?"
Hansueli antwortete nicht. Er saß am Kopfende des Tisches, hatte sich keinen Teller gemacht, schaute nur. Erst sie, dann Daniel, dann wieder zum Fenster.
Daniel räusperte sich. „Hören Sie, wir könnten doch jetzt schnell telefonieren? Pannendienst, eine Stunde, weg sind wir."
„Niemand kommt heute", sagte Hansueli.
„Wieso?", fragte Daniel.
Hansueli sah ihn an. Zum ersten Mal direkt. Seine Augen waren wässerig grau und ohne jeden Ausdruck. „Weil ich keinen anrufen werde."
Daniel legte den Löffel ab.
„Sie auch nicht", sagte Hansueli. „Telefon ist kaputt."
Es wurde still. Nur das Ticken der Uhr. Und aus der Ferne, jetzt deutlicher, ein Schaben. Holz an Holz. Oder Krallen an Holz. Schwer zu sagen.
„Wir gehen besser", sagte Jana.
„Nein", sagte Hansueli.
„Doch."
„Bleiben Sie sitzen", sagte Hansueli ruhig. „Es ist für Ihre Sicherheit."
Daniel stand auf. „Was soll der Scheiß? Was geht hier ab?"
Hansueli atmete tief ein. „Da draußen ist was. Im Wald. Es kommt nachts raus. Wenn Sie jetzt rausgehen, kommen Sie nicht weit."
„Was ist da draußen?", fragte Jana.
„Sehen Sie selber."
Hansueli ging zum Fenster. Schob den Vorhang ein Stück. Daniel ging hin. Jana auch.
Draußen, am Waldrand, vielleicht fünfzig Meter entfernt, bewegten sich Schatten. Drei. Vier. Mehr. Sie waren niedrig, gedrungen, schwer. Sie schoben sich aus dem Unterholz, blieben am Waldrand stehen. Augen, die im Licht aus dem Fenster gelblich aufblitzten.
„Was ist das?", flüsterte Jana.
„Etwas, das Hunger hat", sagte Hansueli.
Eines der Wesen hob den Kopf. Stieß ein langgezogenes, gurgelndes Geräusch aus. Andere antworteten. Aus dem Wald, weiter hinten, kamen mehr Geräusche. Stöhnen. Schaben. Schritte.
„Das sind doch keine Hunde", sagte Daniel.
„Habe ich auch nicht behauptet."
„Sind das ..."
Daniel sprach es nicht aus. Aber Jana wusste, was er dachte. Sie hatte es selber gedacht. Die Schatten bewegten sich falsch. Schlurfend. Schwer.
„Werden die uns angreifen?", fragte sie.
„Wenn sie reinkommen", sagte Hansueli. „Ja."
„Können sie rein?"
Hansueli zuckte mit den Schultern. „Bisher nicht. Aber sie versuchen es jede Nacht."
Das Auto
„Wir müssen weg", sagte Daniel.
„Wie?", fragte Jana. „Wie denn?"
„Mit dem Auto."
„Das nicht fährt", sagte sie.
„Das fährt vielleicht doch. Vielleicht ist nur die Batterie. Oder ein Kabel. Ich muss schauen."
„Du bleibst hier."
„Hör zu, Jana. Wir sitzen in einem Haus mit einem Spinner, der uns einsperrt, und glauben Geschichten von Monstern im Wald. Ich gehe zum Auto. Ich schaue, ob es fährt. Wenn ja, hole ich dich ab."
„Das sind keine Geschichten. Ich habe sie selber gesehen."
„Ich habe Schatten gesehen. Wahrscheinlich Hirsche."
Hansueli lachte. Es war ein trockenes, freudloses Geräusch. „Hirsche."
„Halten Sie sich da raus."
„Wenn Sie rausgehen, gehen Sie hinten raus. Bei der Scheune. Da steht der Wind richtig. Sie kriegen Sie dann nicht mit."
Daniel schaute ihn an. „Und Sie wissen das, weil?"
„Ich wohne hier seit vierzig Jahren."
„Und wieso sind Sie noch am Leben?"
Hansueli zuckte wieder mit den Schultern. „Weil ich nicht rausgehe."
Daniel ging zur Hintertür. Jana hielt ihn am Arm.
„Bitte nicht."
„Ich bin in zehn Minuten zurück. Eine Stunde maximal. Wenn ich nicht zurück bin, hat der Alte recht. Dann bleibst du hier und wir warten bis morgen."
„Daniel."
Er gab ihr einen Kuss. Auf die Stirn. Es war der schlechteste Kuss seiner letzten zehn Jahre.
Dann zog er den Riegel zurück.
Hundert Meter
Jana stand am Fenster. Hansueli saß wieder am Tisch. Er hatte sich jetzt doch einen Löffel geholt und aß die Suppe, die für Daniel gewesen wäre.
„Sehen Sie ihn?", fragte er.
„Nein."
„Hören Sie was?"
„Nein."
„Dann hat er noch zwei Minuten."
Jana drehte sich um. „Was soll das heißen?"
„Es heißt", sagte Hansueli, „dass sie ihn noch nicht gewittert haben."
Sie schaute wieder. Der Weg zum Auto war weg vom Hof, durch den Tannenwald, dann auf die Straße. Daniel war jetzt schon fast hundert Meter entfernt. Sie konnte ihn als Schatten erkennen, ein dünner Schatten zwischen den Bäumen.
Dann hörte sie es. Ein Grunzen. Tief. Dann mehrere. Ein Quieken, kurz und gepresst, fast freudig.
„Oh Gott", sagte sie.
„Sie haben ihn gewittert", sagte Hansueli.
„Das ist ..."
Sie sah es jetzt. Vier oder fünf der Schatten, die vorhin am Waldrand gestanden hatten, lösten sich. Liefen. Sie liefen schnell. Sehr schnell. Sie waren niedrig und massig, aber sie bewegten sich wie ein Schwarm.
Daniel sah sich um. Begann, zu rennen.
Er kam nicht weit.
Das erste rammte ihn von der Seite. Etwas Schweres, Niedriges. Daniel ging zu Boden. Er schrie. Es war kein Wort, kein Name, nur ein Schrei, der von ganz unten kam. Das zweite war über ihm. Das dritte. Das vierte. Sie waren so schnell.
Ein Maul fand seine Kehle.
Jana hörte das Reißen. Sie hörte es richtig. Stoff, Haut, dann Tieferes. Das Geräusch, wenn man ein nasses Tuch zerreißt, nur lauter und feuchter. Daniel schrie noch einmal, kürzer, gurgelnd. Etwas Dunkles spritzte gegen einen Baumstamm. Sein Hemd. Sein Hals. Schwer zu sagen, in dem Licht.
Dann nichts mehr von Daniel. Nur noch sie.
Hohe, gehetzte Laute. Fast freudig. Eines stieß einen tiefen, satten Laut aus, fast wie ein Schnarchen, während es kaute. Ein anderes hatte etwas Längliches im Maul, schüttelte es wie ein Hund einen Knochen. Es riss. Die eine Hälfte flog durch die Luft, klatschte gegen einen Baumstamm. Sie blieb dort kleben, eine halbe Sekunde, bevor sie nach unten rutschte. Ein Bein. Vom Knie abwärts. Mit Wandersocke.
Jana sank vor dem Fenster auf die Knie und übergab sich.
Hansueli stand auf, holte einen Lappen, wischte das Erbrochene neben ihr weg, ohne ein Wort.
„Ihr Mann hatte Pech", sagte er nach einer Weile. „Manchmal merken sie es nicht. Wenn der Wind günstig steht."
Jana hörte nicht zu. Sie starrte auf den Boden und atmete.
Die Wahrheit
„Was war das?", fragte sie schließlich. Ihre Stimme war so leise, dass Hansueli sich vorbeugen musste.
„Schweine."
Sie hob den Kopf. „Was?"
„Wildschweine. Eine große Rotte."
„Das ... das sind keine Wildschweine."
„Doch."
„Wildschweine machen das nicht."
Hansueli schenkte sich Kaffee ein. Aus einer alten E-Maillierten Kanne, die wahrscheinlich noch von seiner Mutter war.
„Wildschweine machen das, wenn man es ihnen beibringt", sagte er.
Jana brauchte einen Moment. Dann begriff sie. Langsam. Stückweise. Sie verstand zuerst die Worte und dann den Mann, der sie gesagt hatte, und dann den Raum, in dem sie saß. Den süßlichen Geruch, den sie nicht zugeordnet hatte. Der jetzt wieder da war, schwer und unangenehm. Den sie jetzt zuordnen konnte.
„Sie."
„Mhm."
„Sie züchten die."
„Ich züchte sie nicht. Die sind wild. Ich füttere sie nur."
„Womit?"
Er schaute sie an.
Jana wollte aufstehen, aber ihre Beine trugen sie nicht. Sie blieb sitzen.
„Wieso?", flüsterte sie.
Hansueli trank seinen Kaffee. Bedächtig. Dann stellte er die Tasse ab.
„Vor zwölf Jahren ist meine Frau gestorben. Vor zehn Jahren mein Sohn. Vor acht Jahren hat mir die Bank den Hof gekündigt, weil ich die Hypothek nicht mehr bezahlen konnte. Der Mann, der ihn übernehmen sollte, hat sich bis heute nicht beschwert. Da habe ich angefangen."
„Mit was?"
„Mit den Schweinen. Sie kamen sowieso. Die Rotte hier hinten war damals schon groß, fünfzehn Tiere vielleicht. Sie haben mir den Garten zerwühlt. Dann ist ihnen ein Wanderer in die Quere gekommen. War schon tot, als ich kam. Die haben ihn aufgefressen. In zwei Stunden war nichts mehr da."
Jana schloss die Augen.
„Da habe ich gemerkt", sagte Hansueli, „dass Pässe und Identitätskarten gut bezahlt werden. Kreditkarten sowieso, solange man schnell ist. Die Smartphones nimmt einer alle paar Wochen mit. SIM-Karten verbrenne ich vorher. Ich stelle keine Fragen, er auch nicht. Die Autos schiebe ich in den Sumpf hinter der Tannenwiese. Da sind jetzt vierzehn drin. Vielleicht fünfzehn. Habe nicht genau gezählt. Wenn sie mal suchen, finden sie sie. Aber bis jetzt hat keiner gesucht."
„Sie sind krank."
„Ich bin pleite. Das ist anders."
Sie öffnete die Augen wieder. Hansueli schaute sie an, ohne jedes Mitgefühl, aber auch ohne Bosheit. Es war der Blick eines Mannes, der eine Rechnung macht. Eine Position auf der Sollseite, eine auf der Haben.
„Und ich?", fragte sie.
„Sie sind die Habenseite."
Die Tür
Jana sprang auf. Diesmal trugen ihre Beine. Sie warf den Stuhl um. Sie rannte zur Vordertür, zog am Riegel. Der obere ließ sich öffnen. Der untere klemmte.
Hansueli stand auf. Langsam. Er hatte keine Eile.
„Frau", sagte er. „Hier kommen Sie nicht raus."
Sie zerrte am Riegel. Riss daran. Brach sich einen Fingernagel ab, einen ganzen, der mitsamt der Nagelbettwurzel abriss und blutig auf dem Holzboden liegen blieb. Sie spürte es kaum. Dann ließ sich der Riegel doch öffnen. Sie riss die Tür auf. Rannte raus.
Es war jetzt dunkel. Vollkommen dunkel. Der Hof lag in einem schwachen Licht, das aus dem Stubenfenster fiel. Dahinter: Schwärze. Wald.
Sie rannte. Nicht zur Straße, weil sie wusste, dass da Daniel lag und die Schweine. Sie rannte zur Scheune.
In der Scheune, hatte Hansueli gesagt, sei der Wind richtig. Vielleicht war das eine Lüge. Vielleicht aber auch nicht.
Sie schaffte es bis zur Scheunentür.
Da kam das erste Schwein um die Ecke.
Es war riesig. Größer als sie es vom Fenster aus gesehen hatte. Mindestens hundertfünfzig Kilo, vielleicht mehr. Sein Maul war schwarz und nass, und sie konnte sehen, dass es noch Fleisch zwischen seinen Zähnen hatte. Fleisch und Stoff.
Das Schwein blieb stehen. Hob den Kopf. Witterte.
Jana wich rückwärts. Langsam. Sehr langsam.
Hansueli stand jetzt in der Tür der Stube. Er beobachtete. Er rief nichts. Er pfiff nicht. Er ließ es einfach geschehen.
Das Schwein machte einen kleinen, fast freudigen Hopser. Es hatte sie identifiziert.
Dann kam das zweite. Und das dritte. Sie kamen aus allen Richtungen. Aus dem Tannenwald, aus dem Wiesenstück hinter der Scheune, eines kam sogar von der Straße zurück, das Maul noch rot.
Sie umkreisten sie. Nicht hektisch. Nicht hungrig wie bei Daniel. Methodisch. Wie ein Hund, der gelernt hat, das Schaf in die Ecke zu treiben.
„Bleiben Sie ganz ruhig", sagte Hansueli von der Tür her. „Wenn Sie rennen, reißen sie Sie. Wenn Sie stehen, dauert es länger, aber es tut weniger weh."
Jana fing an, zu weinen.
Sie schaute Hansueli an. Hansueli schaute zurück. Er sah müde aus. Vielleicht auch ein bisschen traurig. Aber nicht so, dass er irgendwas getan hätte.
Das größte der Schweine machte den ersten Schritt.
Es nahm sich Zeit. Senkte den Kopf. Roch an ihrem Bein. Dann schloss sich das Maul um ihre Wade, langsam, fast bedächtig, und biss zu.
Knochen knackte.
Jana schrie. Sie versuchte, das Schwein wegzustoßen. Es war wie gegen einen Felsen treten. Das zweite Schwein hatte sie schon am anderen Bein. Das dritte am Arm.
Sie ging zu Boden.
Hansueli
Es dauerte zwanzig Minuten, bis sie still war.
Hansueli wartete in der Stube. Er ließ die Tür offen, damit die Wärme rauskonnte. Er hörte nicht hin. Er hörte schon lange nicht mehr hin.
Als es ruhig war, ging er raus. Die Schweine waren noch da, fraßen den Rest. Sie schauten kurz auf, als er kam. Eines grunzte freundlich. Hansueli ignorierte es. Er ging zum Auto.
Es stand am Straßenrand, wie Daniel es gesagt hatte. Mietwagen. Ein Mercedes. Hansueli stieg ein, schaute auf den Tachostand. Vierundzwanzigtausend Kilometer. Junger Wagen. Wenn er Glück hatte, vierundzwanzigtausend Franken. Wahrscheinlich weniger, weil er Probleme hatte, ihn loszuwerden, ohne Fragen.
Er suchte den Schlüssel. In Daniels Hosentasche. Daniels Hosentasche war auf dem Waldboden, zusammen mit anderen Dingen, die mal Daniel gewesen waren. Hansueli zog die Hose unter einem der Schweine hervor. Das Schwein knurrte kurz, dann ließ es ihn.
Schlüssel. Brieftasche. Telefon.
Er ging zurück zum Auto, drehte den Schlüssel. Der Motor sprang nicht an.
Hansueli runzelte die Stirn. Drehte nochmal. Nichts.
„Du Idiot", murmelte er.
Anlasser kaputt. Wahrscheinlich. Er kannte sich aus, mit alten Autos. Mit neuen weniger. Aber dieser hier brauchte etwas, das er nicht hatte. Und wenn er den Wagen in den Sumpf schob, brauchte er bessere Kennzeichen. Brauchte einen Brenner. Brauchte Zeit.
Er schaute auf seine Uhr.
Halb zwei. In der Stadt war das früh. Hier oben war das mitten in der Nacht.
Er ging zurück zum Hof. Im Vorbeigehen schaute er nochmal zu den Schweinen, die immer noch fraßen. Sie waren fett geworden über die Jahre. Vielleicht zu fett. Vielleicht müsste man eines schlachten. Speck einkochen, Würste machen. Im Winter aßen er und die Schweine fast dasselbe.
Er ging in die Stube. Setzte sich an den Tisch. Die Suppe war kalt. Er aß sie trotzdem auf.
Zwei Tage später war der Mercedes im Sumpf. Vierzehnter oder fünfzehnter, Hansueli hatte aufgehört, zu zählen.
Aus dem Fenster, weit weg, kam das Geräusch eines Motors. Scheinwerfer. Ein Auto fuhr die Straße hoch. Langsam. Suchend.
Hansueli stand auf. Ging zum Fenster.
Ein dunkler SUV. Schweizer Nummernschild. Hielt vor dem Hof. Eine Tür ging auf. Eine Frau stieg aus.
„Hallo?", rief sie. „Ist da jemand?"
Hansueli zog den Vorhang zu. Ging zur Tür. Der untere Riegel war seit Jahren nicht mehr fest in seiner Halterung, das Holz war ausgeleiert. Hansueli schob ihn jedes Mal nur lose vor, vor den Augen der Gäste. Wer in Panik rauswollte, riss ihn raus und glaubte, sich freigekämpft zu haben. Draußen warteten die Schweine. Hansueli musste so nie behaupten, jemanden eingesperrt zu haben. Hatte er ja nicht.
Er öffnete die Tür einen Spalt.
„Grüezi", rief er. „Sind Sie alleine?"