Band 4: Traumfänger
🔥 Nur hier verfügbarDiese Leseprobe enthält explizite Darstellungen von Gewalt, kalter Berechnung und einer Kaffeemaschine, die wichtiger ist als drei tote Techniker.
Die Kaffeemaschine war das Einzige, was Major Rebecca Frost aus Site 7 hatte retten lassen.
Nicht die Forschungsdaten. Nicht die Proben. Nicht Dr. Hirschs kostbare Gewebekulturen, über die er wie ein Kind geweint hatte, dem man das Lieblingsspielzeug wegnimmt. Die Daten waren längst auf Nexus-Servern gesichert, die Proben reproduzierbar, und Hirsch würde neue Kulturen anlegen, sobald er aufhörte, zu heulen. Aber eine italienische Siebträgermaschine, die in der Wildnis einen Espresso produzierte, der diesen Namen verdiente?
Unersetzlich.
Frost trank. Beobachtete die Bildschirme.
Der mobile Kommandoposten war ein umgebauter Frachtcontainer auf einem Tieflader, getarnt unter Tarnnetzen und Kiefernästen. Drei Bildschirme, zwei Drohnenpiloten, ein Funkgerät. Spartanisch. Effizient. Alles, was sie brauchte.
Achtzehn Stunden zuvor hatte sie noch in der Kommandozentrale von Site 7 gestanden, hinter der Panoramascheibe, mit dem Geruch von Desinfektionsmittel und Ambition in der Nase. Jetzt saß sie in einem Blechkasten, alles roch nach Schweiß, kaltem Metall und der Art von Anspannung, die sich als Professionalität tarnte.
Site 7 war verloren.
Vorübergehend unzugänglich. Das klingt besser im Bericht.
Die Exemplare der vierten Generation hatten die Eindämmung um 22:17 durchbrochen. Containment-Zelle neun. Das Exemplar, das Hirsch mit so viel Stolz als seinen Prototypen bezeichnet hatte, hatte sich durch einen Belüftungsschacht gedrückt. Zwanzig Zentimeter Durchmesser. Über neunzig Kilo Biomasse. Die Kameraaufnahme war beeindruckend gewesen, auf eine Art, die Frost nicht als beängstigend bezeichnen würde. Eher als lehrreich.
Innerhalb von dreiundzwanzig Minuten hatten sechs weitere Zellen versagt. Dominoeffekt. Schwarmverhalten, exakt wie die Modelle es vorhergesagt hatten. Nur schneller. Deutlich schneller. Hirschs Team hatte den Laborkomplex in unter vier Minuten geräumt. Drei Techniker hatten es nicht geschafft.
Bedauerlich. Aber innerhalb der Parameter.
Dreiundzwanzig bis dreißig Exemplare, schätzte Frost. Je nach Überlebensrate der unvollständigen Stadien. Schwarmverhalten bestätigt. Kompressionsfähigkeit bestätigt. Rudeljagd im Radius von zweihundert bis fünfhundert Metern bestätigt. Und das Entscheidende: keine Reproduktion. Die Vierer fraßen sich selbst auf, buchstäblich. Autokannibalismus als Energiequelle. Elegant, auf eine perverse Art. Aber endlich.
Endlich war das Wort, an dem alles hing.
Frost stellte die Tasse ab und wandte sich den Bildschirmen zu.
Bildschirm eins: Drohne „Artemis", stationäre Position auf dreitausend Metern über dem Hügel. Infrarot. Der Höhleneingang glühte schwach, ein diffuses Wärmemuster, das keiner geologischen Logik folgte. Die vier Biosignaturen, die gestern Nachmittag in die Höhle gegangen waren, hatte Artemis bis zum Eingang verfolgt. Danach nichts. Das Gestein schluckte jedes Signal. Sechzehn Stunden ohne Lebenszeichen, ohne Leichen, ohne Hinweis darauf, ob die vier noch existierten oder ob der Hügel sie wie alles andere absorbiert hatte.
Frost kannte ihre Gesichter. Nexus' Berichte hatten für detailliertes Bildmaterial gesorgt, bevor der Tower verloren gegangen war. Der Überlebende aus dem Tresor. Die Bibliothekarin, die den Kannibalen entkommen war. Die Japanerin mit dem Schwert. Und die interessanteste von allen, die Deputy, deren psychologisches Profil allein drei Seiten füllte und dennoch nicht erklären konnte, was die letzten Meldungen aus dem Tower über sie dokumentiert hatten.
Vier Zivilisten, von denen drei eigentlich hätten tot sein müssen und die vierte jede Prognose übertroffen hat. Und sie marschieren freiwillig in die Höhle.
Bildschirm zwei: Drohne „Hermes", kreisend über den Wohngebieten am Rand der Quarantänezone. Dort, irgendwo in der Vorort-Siedlung, befanden sich die anderen Überlebenden. Das Mädchen. Frost war sich sicher, weil Oracle es aus dem Verfolger-Heli gemeldet hatte, Sekunden nach dem Absturz: zwei Gruppen, eine Richtung Wald, eine Richtung Siedlung. Die Frau und das Kind in der vorderen Wrack-Sektion, Richtung Nordost. Der Große, geschleudert, zwischen den Containern. Danach hatte Oracle den Kontakt zur Waldgruppe gehalten und die andere aus den Augen verloren.
Das Extraktionsteam hatte die ganze Nacht gesucht. Befestigte Häuser priorisiert, wie befohlen. Vierzehn Gebäude gescannt, jedes einzeln. Ergebnis: nichts.
Irgendjemand da draußen hatte ein Versteck, das auf Satellitenbildern nicht als solches erkennbar war. Irgendjemand war gut genug gewesen, um Nexus' Drohnennetz zwölf Stunden lang zu narren.
Respektabel. Fast.
Frost goss sich einen zweiten Espresso ein. Die Maschine zischte leise, vertrauter als jeder Mensch in diesem Container, und lieferte eine Crema, die selbst im Feld keine Kompromisse machte.
Auf einem kleineren Monitor, etwas abseits von den Drohnenfeeds, zählte ein Countdown.
53:47:22
Phase vier.
Dreiundfünfzig Stunden, und dann würden die Teams, die in einer Kaserne fünfzig Kilometer östlich warteten, das tun, wofür sie ausgebildet worden waren. Lebende Proben sichern. Forschungsdaten extrahieren. Alles, was Frost dem Pentagon verschwiegen hatte, in verwertbare Ergebnisse verwandeln.
Stadt neutralisiert. Keine Überlebenden. Das hatte sie gestern dem Verteidigungsminister gesagt. Eine saubere Lüge für eine saubere Welt, die nicht wissen musste, was unter diesem Hügel pulsierte.
„Ma'am."
Sergeant Rourke, ihr Drohnenpilot. Der Mann, der seit Site 7 keine überflüssigen Fragen mehr stellte. Sein Finger deutete auf den dritten Bildschirm. Drohne „Hera", Überwachung des Übergangsgebiets zwischen Siedlung und Wald.
„Einzelnes Fahrzeug, Forstweg Sektor neun. Einziges mobiles Objekt in der gesamten Zone."
Frost beugte sich vor.
Geländewagen. Militärjahrgang, schwer zu sagen welcher. Ohne Scheinwerfer auf einem Weg unterwegs, der auf keiner aktuellen Karte verzeichnet war. In einer Quarantänezone, in der seit acht Tagen nichts mehr fuhr, war das Signal so deutlich wie ein Leuchtfeuer.
Frost ließ Rourke auf Infrarot umschalten. Zehn Wärmesignaturen. Sieben menschliche, drei kleinere im hinteren Ladebereich. Hunde. Eine der menschlichen Signaturen war deutlich kleiner als die anderen, eingeklemmt zwischen zwei größeren in der Mittelsitzreihe. Kind.
Das Mädchen. Endlich.
„Kurs Südwest", sagte Rourke. „Direkt auf den Hügel zu." Er tippte auf den Bildschirm und vergrößerte die Fahrerseite. „Ma'am, die Signatur am Steuer ... sehen Sie das?"
Sechs weiße Umrisse leuchteten gleichmäßig auf dem Infrarotbild, Körperwärme in Kopf, Rumpf, Extremitäten. Ein siebter, massiv, strahlte im Brustbereich heißer als normal. Entzündung oder frische Verletzung. Aber bei der achten Signatur, am Steuer, fehlte etwas. Der Kopf war dunkel. Nicht kalt wie ein Toter, die restliche Körperwärme war normal. Nur der Kopf strahlte deutlich weniger als bei allen anderen.
„Defekt in der Kalibrierung?", fragte Rourke.
„Nein." Frost zoomte näher. Die Ränder der dunklen Zone waren scharf abgegrenzt, kein Gradient, kein Sensorartefakt. Etwas Reflektierendes um den Kopf. Metall. „Er trägt irgendwas auf dem Kopf. Reflektiert die Infrarotstrahlung."
Rourke starrte auf den Bildschirm. „Wer fährt mit einer Metallhaube durch eine Quarantänezone?"
Frost antwortete nicht. Die Frage war nicht an sie gerichtet, und selbst wenn, hätte sie keine Antwort gehabt, die Sinn ergab.
Das Fahrzeug bewegte sich weiter Richtung Südwest. Langsam. Ohne Licht. Der Fahrer mit dem kalten Kopf kannte die Strecke.
„Extraktionsteam ist in Position", sagte Rourke. „Acht Kilometer nordöstlich des Hügels. Warten auf Befehl."
„Sagen Sie ihnen, sie sollen warten."
„Ma'am, die Vierer sind im Sektor. Drei bestätigte Sichtungen zwischen dem Fahrzeug und dem Hügel. Schwarmformation."
Frost nahm einen Schluck Espresso. Noch warm. Perfekte Crema.
Der Geländewagen auf dem Bildschirm schob sich über den Forstweg. Sieben oder acht Menschen, drei Hunde, ein Kind mit einem USB-Stick, den es nicht verstand, und ein Fahrer, dessen Kopf auf Infrarot nicht leuchtete. Unterwegs in Richtung eines Hügels, unter dem vier Menschen verschwunden waren und etwas lebte, für das es in keiner Akte eine Kategorie gab. Und zwischen ihnen und ihrem Ziel lagen dreißig der effektivsten Raubtiere, die je aus einem Labor gekommen waren.
Wenn sie es bis zum Hügel schaffen, haben sie einen Grund. Und dieser Grund ist mehr wert als eine frühe Extraktion.
Frost stellte die Tasse ab.
„Wir lassen sie laufen."
Rourke nickte.
Die Sonne schob sich über den Horizont. Auf dem kleinen Monitor zählte der Countdown weiter.
53:41:09
Phase vier.
Frost sah den Geländewagen zwischen den Bäumen verschwinden und goss sich einen dritten Espresso ein.
Dies war nur der Prolog aus „Traumfänger" – Band 4 der ROADKILL-Serie.
Was Frost auf ihren Bildschirmen beobachtet, ist nur die halbe Wahrheit.
Die andere Hälfte spielt sich unter dem Hügel ab. Und keiner, der dort hineingeht, kommt als derselbe wieder raus. Falls überhaupt.
Vier Überlebende verschollen. Sieben unterwegs zum Hügel. Dreißig Bestien dazwischen. Und eine Frau mit einem Espresso, die zusieht.
Traumfänger erscheint demnächst.